StartseiteAutoren und ThemenPresseZeittafelPrivatsender-ListeVeröffentlichungen

Allgemein:

Startseite

Links

Impressum/Kontakt

Februar 1993. Es ist 18.00, meine Eltern sitzen zu Hause und spielen Karten. Die Türe läutet. Es ist die Polizei. Hausdurchsuchung. Die gesamte Wohnung meiner Eltern wird auf den Kopf gestellt, nicht einmal das Gitterbett meines Neffen ist vor den suchenden Augen des Gesetzes sicher. Brazil auf österreichisch: Die Beamten finden nicht, wonach sie suchten. Drogen? Waffen? Falschgeld?

Sie suchten das Privatradio und können es nirgendwo finden. Zurück bleibt eine Din A5 große Bestätigung für die Richtigkeit der Durchsuchung wegen Verdachts auf Besitz eines Piratensenders sowie meine schockierte Mutter. (Jahre später, als ich meinen Vertrag bei Radio 1 - dem späteren 88.6 Der Musiksender - unterschreibe, wird sie mich mit zitternder Stimme fragen: "Kommt jetzt wieder die Polizei ?")
Kaum jemand erinnert sich heute noch an die Geburtswehen des Privatradios von 1986 bis 1998 - auf den kommenden Seiten möchte ich meine, höchst subjektiven Eindrücke von damals bis heute schildern.

Frühling 1988. Die polische Debatte rund um Kurt Waldheim und sein Pferd ist in vollem Gange, Pflichterfüllung und "Jetzt erst recht" - Parolen teilen Österreich in zwei Lager - ich sitze in der Küche meiner Eltern und sollte gerade für die Uni lernen. Stattdessen bin ich komplett gefesselt - durch Radiohören.
"Radio Widerstand" heißt das Programm, ist ziemlich links, ziemlich cool und ziemlich Anti-Waldheim. Aber vor allem: Es ist nicht vom ORF - und so gesehen eine echte Sensation für mich. Denn schon seit frühester Kindheit - wie es Psychoanalytiker zu nennen pflegen - habe ich nie verstanden, warum man in Österreich zwar Zeitungen machen kann, aber nicht einfach Radio senden darf.

Die Macher damals: Ein Schweizer - im Hauptberuf Arzt, im Nebenberuf Hochfrequenztechniker - und ein Wiener Journalist. Ein halbes Dutzend mal brechen sie das Monopol - dann verstummt "Radio Widerstand". Für mich ist die Dosis genug - ich habe fortan das Piratenradiovirus.

Fünf Jahre später: Ich studiere an der Technischen Universität in Wien, gemeinsam mit Freunden bastle ich an den ersten Sendern. Dabei ist es vollkommen egal, was wir senden wollen, entscheidend war es, das Unrecht zu brechen. Oder wie es so schön heißt: "Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Wir fühlten uns als Helden, worauf ein Außenstehender mit Sicherheit als letztes gekommen wäre: Nächtelang im Rosental in Wien in Autos zu hocken und sich zu freuen, eine Strecke von 800 Metern mit rauschenden Radiosignalen zu überbrücken - Sieger sehen anders aus, als vier Technik-Studenten, die sich im Winter den Hintern abfrieren.